Chemische Industrie – Situation in wichtigen Märkten

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Im Rahmen einer Kooperation mit der gtai informiert der Fachverband Verfahrenstechnische Maschinen und Apparate zweimal jährlich (Frühjahr/Herbst; Ausnahme: Vereinigtes Königreich; alle Berichte in Deutsch) über die Entwicklung der chemischen Industrie in Brasilien, China, Frankreich, Korea, Russland, Türkei, USA und dem Vereinigten Königreich. Die aktuellen Länderberichte bewerten die Situation für die chemische Industrie in diesen Märkten und informieren über Chancen und Hindernisse vor Ort.

Nachstehend finden Sie ausgewählte Kernaussagen zur Situation in den einzelnen Märkten. Detaillierte Informationen und Grafiken zu Kennzahlen finden Sie in den Konjunkturberichten. Die Berichte können beim genannten Kontakt abgerufen werden.

Brasilien – Talfahrt der Chemieindustrie dauert an
Nach einem schwierigen Jahr 2019 erlebte Brasiliens Chemieindustrie im April und Mai 2020 einen historischen Konjunktureinbruch. Im Mai wurden 21,3 Prozent weniger Industriechemikalien produziert als im Vorjahresmonat. Laut Branchenverband Abiquim wurden die Kapazitäten nur zu 61 Prozent ausgelastet. In den ersten sieben Monaten 2020 verzeichnete Abiquim eine durchschnittliche Kapazitätsauslastung von 70 Prozent und einen Produktionsrückgang im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um knapp 6 Prozent. Brasiliens Chemieindustrie büßte sowohl im Export, als auch im inländischen Verkauf Umsatz ein. Dabei variiert die Entwicklung stark nach verschiedenen Anwendungsbereichen wie bspw. der Produktion von Reinigungsmitteln, Chemikalien für die Kfz-Industrie oder der Düngerproduktion.

China – Chemieindustrie auf dem Weg der Erholung
Insgesamt blieben die Einnahmen des gesamten Chemiesektors (Chemie- und Petrochemie inklusive Pharmabranche) im 1. Halbjahr 2020 rund 10 Prozent unter dem Niveau des Vorjahreszeitraums. Am besten schnitten Arzneimittel mit einem geringen Umsatzrückgang von 2,3 Prozent ab. Stark betroffen waren die Kunststofffaserherstellung (-18 Prozent) sowie die petrochemische Sparte (-13 Prozent). Doch die chemische Industrie in China gewinnt nach dem Konjunktureinbruch durch Covid-19 wieder an Fahrt. Das Land dürfte seine globale Branchenbedeutung 2020 ausbauen. Die Zahlen verbessern sich von Monat zu Monat. Die schrittweise Wiederaufnahme der Produktion nach Eindämmung der Pandemie in den meisten Regionen im Land hat die Nachfrage der Abnehmerbranchen wieder zügig ansteigen lassen.

Frankreich – Chemiesparten kommen unterschiedlich stark aus der Krise
Die chemische Industrie in Frankreich hat sich in der Krise besser geschlagen als andere Sektoren. Aber auch sie hat einen starken Umsatz- und Produktionseinbruch erlitten. Es konnten in der Branche aber mehr Firmen den Betrieb vollständig oder zumindest teilweise aufrechterhalten, als in der Industrie insgesamt. So hätten 75 Prozent der Firmen während der Ausgangssperre von Mitte März bis Mitte Mai weitergearbeitet, gegenüber 60 Prozent in der Industrie insgesamt. Trotzdem waren die meisten Firmen durch unterbrochene Lieferketten, fehlende Mitarbeiter und Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen gezwungen, ihre Produktion einzuschränken. Die Nachfrage wichtiger Abnehmerbranchen wie Bau- und Kfz-Industrie fiel stark zurück. Die Umsätze der verschiedenen Chemiesparten erholen sich uneinheitlich. Farben und Seifen, die vor allem auf Privathaushalte als Abnehmer abzielen, haben nach einem anfänglichen Einbruch kräftig aufgeholt. Am langsamsten erholt sich die stärker auf die Industrie ausgerichtete Basischemie. Unter den wichtigen Abnehmersektoren hat die Bauindustrie ihre Aktivitäten schneller wieder hochfahren können als die Automobil- und die Luftfahrtindustrie.

Russland – Chemieindustrie wächst trotz Krise
Die chemische Industrie kommt relativ gut durch die Coronakrise. Sie profitiert vom hohen Bedarf an Medikamenten, Desinfektionsmitteln und Einwegplastik und war im 1. Halbjahr 2020 eine der wenigen Wachstumsbranchen in Russland. Von Januar bis Juli 2020 stieg die Produktion von Chemikalien um 5,3 Prozent im Vergleich zur Vorjahresperiode. Positiv wirkte sich der hohe Bedarf an Desinfektionsmitteln und Mineraldünger aus. Die Pharmahersteller verzeichneten sogar einen Produktionsanstieg um über 16 Prozent. Weniger dynamisch legte die Kunststoff- und Gummiindustrie zu; sie verzeichnete ein Plus von nur 1,6 Prozent. Die Kunststoffverarbeiter leiden unter dem Nachfragerückgang in wichtigen Abnehmerbranchen wie Haushaltselektronik, Fahrzeug- und Maschinenbau. Die chemische Industrie ist für Russland eine strategische Schlüsselbranche, um durch die Verarbeitung von Öl und Gas mehr Wertschöpfung im eigenen Land zu erzielen. Sie soll in den nächsten Jahren massiv modernisiert werden. Die Corona-Pandemie bremst diesen Prozess zwar etwas aus, bislang gibt es aber keine Ankündigungen, große Neubauprojekte aufzugeben.

Südkorea – Chemieindustrie ändert Fokus der Investitionen
Mit der sinkenden Fertigung des verarbeitenden Gewerbes schrumpft auch die Produktion in Südkoreas Chemieindustrie. Dennoch gibt es Wachstumssegmente. Während in der Petrochemie kaum Neuvorhaben dazu kommen, gibt es viel Bewegung etwa bei Flüssiggas, Wasserstoff, Batteriechemikalien und elektronischen Chemikalien. Dabei agiert die chemische Industrie Südkoreas 2020 in einem schwierigen Umfeld. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte im 1. Halbjahr real um 0,7 Prozent, darunter in der chemischen Industrie um 2,7 Prozent und bei den Erdölraffinerien um 9,5 Prozent. Für das 2. Halbjahr prognostiziert die Zentralbank ein Minus von 1,8 Prozent beim BIP. Die Exporte chemischer Erzeugnisse sanken ohne den wachsenden Pharmabereich um 10,1 Prozent. Signifikantes Wachstum gab es nur bei Kosmetika, Reinigungsmitteln, Diagnostik- und Laborreagenzien, Desinfektionsmitteln sowie Separatoren für Akkus. Vieles davon dient der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie. Da zurzeit vor allem die IT-Branche mit Schwerpunkt auf Halbleitern und die Batterieherstellung vergleichsweise gut laufen, kommen aus diesen Bereichen die meisten Impulse für die Chemieindustrie. Kfz- und Stahlindustrie werden im 2.Halbjahr mit einer geringeren Produktion als im Vorjahr zu kämpfen haben.

Türkei – hoffen auf Normalisierung
Viele Chemieunternehmen leiden unter der schwachen Konjunktur, die von der Pandemie verstärkt wurde. Einige Segmente konnten jedoch profitieren. Dabei setzt die Chemiebranche auf eine Normalisierung in wichtigen Exportmärkten, um Rückgänge im Inlandsmarkt auszugleichen. Der Istanbuler Fachverband der Exporteure chemischer Erzeugnisse (IMMIB) zeigte sich im August 2020 optimistisch. Im Juni und Juli seien die Exporte im Vorjahresvergleich gestiegen und wenn diese Entwicklung sich fortsetze, könne die Türkei 2020 chemische Erzeugnisse im Wert von 20 Milliarden US-Dollar (US$) exportieren. Dies entspräche dem Wert von 2019. Dabei setzt der Verband vor allem auf eine Erholung der Nachfrage aus der Europäischen Union. Die Coronakrise könnte in bestimmten Bereichen Lieferchancen eröffnen. Die Nachfrage nach pharmazeutischen Erzeugnissen und Desinfektionsmitteln ist durch das Virus weltweit gestiegen und mit ihr der Bedarf an entsprechenden Verpackungen. Nachgefragt werden auch mehr verpackte Nahrungsmittel und Farben.

USA – Covid-19 trifft Chemie fast in voller Breite
Bereits vor Ausbruch der Coronakrise hatte sich das Wachstum der US-Chemie verlangsamt, unter anderem wegen des Handelsstreits der USA mit China und den daraus folgenden veränderten Lieferketten. Nun schlägt die Covid-19- Pandemie zu und trifft die Branche voraussichtlich noch härter als die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009. Viele US-Chemieunternehmen richteten daraufhin ihre Kapazitäten auf die Produktion von Gütern zur Bekämpfung von Covid-19 aus. Nach einem minimalen Wachstum im Jahr 2019 wird die US-Chemieindustrie 2020 um 9 bis 15 Prozent schrumpfen, schätzte der Verband American Chemistry Council (ACC) zur Jahresmitte. Die Investitionen in die US-Chemieproduktion dürften 2020 um 18 Prozent auf rund 29 Milliarden US-Dollar zurückgehen. Mit einer Erholung rechnet der ACC erst 2021 wieder, dann um etwa 12 Prozent, wobei einige Segmente erst 2022 oder 2023 auf ihr Vorkrisenniveau zurückkehren könnten. Unter den Nachfragebranchen trifft es die Kfz-Industrie besonders hart. Auch der Bausektor meldet Einbrüche. Der Handdesinfektionsmittel-Boom mindert das Minus bei Haushaltschemie. Wachstum verzeichnen Desinfektionsmittel, Kunststoffe für Verpackungen und synthetische Materialien für Schutzausrüstung.

Vereinigtes Königreich – Chemiesektor zwischen den Krisen
Die britische Chemieindustrie zeigte sich in der Coronakrise weitgehend resilient. Ein No-Deal-Brexit könnte die Branche in eine heftigere Krise stürzen. Corona-beding haben v.a. Bauchemiehersteller und Lieferanten für die Automobilindustrie Einbußen verzeichnet, während bspw. die Hersteller von Industriegasen, anorganischer Chemie und Düngemitteln deutlich weniger betroffen sind. Nach Ansicht der Industrieverbands Make UK haben Chemiehersteller vor allem von der beschleunigten Produktzulassung und gelockerten Vorschriften in einigen Segmenten profitiert, vor allem für Desinfektionsmittel . Der Verband prognostiziert gemeinsam mit Oxford Economics im für das Jahr 2020 einen leichten Rückgang der Chemieproduktion von 3,6 Prozent. Dies ist der drittschwächsten Rückgang unter den Sektoren des verarbeitenden Gewerbes, das mit einem 10,9-Prozent-Rückgang stark betroffen ist. Auch 2021 wird die Chemieproduktion laut Make UK noch um 1,8 Prozent zurückgehen. Unabhängig von der Coronakrise bleibt der Brexit eine der größten Sorgen britischer Chemiefirmen, insbesondere mit Blick auch die REACH-Richtlinie. Laut einer Chemical Watch-Umfrage vom Juni 2020 plant jedes fünfte britische Chemieunternehmen Verlagerungen weg vom Königreich. Etwa 59 Prozent nutzen dafür bestehende Standorte in der EU. Knapp ein Fünftel plant neue Niederlassungen in der EU.

 

Diese acht Konjunkturberichte stehen den VDMA Mitgliedsunternehmen zur Verfügung.
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