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Erläuterungen zum europäischen Normungsprozedere

01.06.2017 | id:3913423

Die üblichen Normungsprozedere im europäischen Normungskomitee CEN (franz.: Comité Européen de Normalisation) sind eindeutig festgelegt und in der verfügbaren Literatur sehr detailliert beschrieben. Dennoch sorgen verschiedene dabei auftretende Begriffe wie „Public Enquiry“ oder „Formal Vote“ bei den Mitarbeitern in Normungsgremien immer wieder für Verwirrung, da gerade für die Vertreter von KMUs normalerweise der fachliche Aspekt im Vordergrund steht. Verständlicherweise können es sich die meisten Experten kaum leisten, sich mit Normungsprozeduren und -formalitäten näher zu beschäftigen. Daher sollen im Fol-genden einige typische Fragen etwas näher erläutert werden:

  1. Wo kann man sich über das Prozedere von öffentlichen Umfragen („Public Enquiries“) informieren?
  2. Wo wird die Öffentlichkeit informiert, dass es ein Public Enquiry gibt?
  3. Wie und wo kann man die Unterlagen dazu beziehen?
  4. Sind diese kostenlos oder nur kostenpflichtig zu beschaffen?
  5. Wo sind Einspruchsfristen erkennbar und zu erfahren?


Kurze Antwort auf die Fragen:

  1. Siehe ausführliche Antwort unten.
  2. In Deutschland: DIN-Mitteilungen, Verbandsmitteilungen, deutscher Spiegelausschuss
  3. In Deutschland: exklusiv über den Beuth-Verlag in DIN (oder als Mitglied des Spiegelausschusses über ebendiesen Ausschuss)
  4. Über DIN/Beuth-Verlag: kostenpflichtig; Mitarbeiter des Spiegelausschusses kostenfrei
  5. Typischerweise auf dem Dokument selbst bzw. in DIN-Mitteilungen


Ausführliche Antwort:
Das Normungsprozedere bei europäischen Normen in CEN läuft – exemplarisch dar-gestellt an einem aktuellen Beispiel aus dem CEN/TC 54 „Unbefeuerte Druckbehälter“ – in etwa folgendermaßen ab:

-------------------
Bitte beachten:
Die folgende Schilderung richtet sich an den weitgehend „unerfahrenen“ Normenmit-arbeiter und soll bloß einen groben Überblick vermitteln. Einige Sachverhalte sind daher etwas vereinfacht oder verkürzt dargestellt. Insbesondere erhebt diese Beschreibung keinen Anspruch auf völlige formelle Richtigkeit. Kleinere Ungenauigkeiten an dieser Stelle bitten wir zu entschuldigen:
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Zunächst wird im europäischen Technischen Komitee (in unserem Beispiel im TC 54) durch eine Arbeitsgruppe ein sogenanntes Work Item beantragt. Mit anderen Worten: Eine Arbeitsgruppe (z. B. WG 53 „Auslegung“) beantragt offiziell, zu einem bestimm-ten Thema (z. B. „Creep“ = Kriechen im Zeitstandsbereich) eine Normenerweiterung, Revision oder Änderung erarbeiten zu dürfen. Das Ganze ist zunächst ein rein forma-ler Akt. Dieser ist aber notwendig, um den typischen „Normungsablauf“ ins Rollen zu bringen und die vorgesehene Arbeit überhaupt irgendwo zu registrieren.

Im nächsten Schritt setzt sich dann die Arbeitsgruppe – im Beispiel die besagte WG 53 – zusammen und erarbeitet einen Vorschlag zu dem vorher registrierten Thema. Wenn dieser Vorschlag unter den beteiligten Experten Zustimmung findet (er sollte im Ideal-fall zumindest von den Experten der WG 53 möglichst einstimmig verabschiedet sein), dann wird ein entsprechender Entwurf ans TC-Sekretariat und von dort weiter an CEN geschickt mit der Bitte, eine öffentliche Umfrage dazu zu starten: das sogenannte „Public Enquiry“. Darin werden die Normungsvertreter aller beteiligten Länder aufge-fordert, sich zu dem vorgelegten Entwurf äußern und eventuellen Änderungsbedarf zu übermitteln.
Bei dieser öffentlichen Umfrage, die insgesamt 3 Monate dauert, wird der Entwurf von CEN an alle nationalen Normungskomitees verteilt, die den Entwurf dann wiederum im eigenen Land den interessierten Kreisen zur Verfügung stellen. Dies geschieht in Deutschland durch einen Hinweis in den DIN-Mitteilungen (Interessenten können den Entwurf bei DIN käuflich erwerben) sowie im Falle des CEN/TCs durch – kostenfreie – Verteilung an die Experten des deutschen Spiegelausschusses im zuständigen DIN-Normenausschuss (für TC 54 wäre dies der FNCA GA 54). Die Mitglieder dieses deut-schen Spiegelausschusses erhalten die Information und das Dokument automatisch über die Datenbank „Livelink“ durch DIN. Die Einspruchsfristen sind auf dem Doku-ment jeweils vermerkt.

Sobald die öffentliche Umfrage abgeschlossen ist (d.h. 3 Monate nach Umfragebeginn), werden die bei den nationalen Normungsinstituten (oder beim Obmann der Ar-beitsgruppe) eingegangenen Kommentare durch das TC gesammelt, zusammengestellt und der zuständigen Arbeitsgruppe übergeben. Diese muss dann in einer Ein-spruchssitzung diese Kommentare diskutieren und bearbeiten.

Im nächsten Schritt – nach der Einspruchssitzung – wird das fertige Dokument erstellt unter Einarbeitung aller Beschlüsse der Einspruchssitzung. Es wird dann vom TC bzw. von CEN in den meisten Fällen nochmals zu einer letzten Umfrage, der formellen Abstimmung (=Formal Vote), gesandt, und zwar an den gleichen Verteiler und mit den ansonsten gleichen Bedingungen wie vorher für die öffentliche Umfrage beschrieben. Diese formelle Umfrage dauert 2 Monate, und darin sind nur noch „redaktionelle“ An-merkungen erlaubt sowie die komplette Zustimmung zur bzw. die Ablehnung der Norm.

Sofern diese formelle Abstimmung erfolgreich verläuft, kann die Norm schließlich veröffentlicht werden.

Bildquelle : Pauline / www.pixelio.de

Wohnsland, Frank
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